Banner

Schriftgröße

A
A
A

Kontrast

Bedeutung der KI im Gesundheitswesen aus der Sicht eines Technikers

Apr. 29, 2026

Dieses Gespräch wurde am 28.04.2026 im Rahmen des monatlichen Jour Fixe mit den Fachkräften für Arbeitssicherheit in Bregenz / Vorarlberg von Andreas SPECHTENHAUSER mit DI Bernd DOPPLER geführt.

 

Sehr geehrter Herr Dipl. Ing. Doppler, danke für die Möglichkeit, mit Ihnen dieses Interview zu führen.

Welche Bedeutung hat die KI im Gesundheitswesen aus der Sicht eines Technikers?
Angetrieben durch Fortschritte bei künstlichen neuronalen Netzen und das neue Paradigma der generativen KI (genAI) hat KI in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Leistungsfähige Deep-Learning-Algorithmen und die Verfügbarkeit großer Datenmengen haben neue Möglichkeiten für den Einsatz von KI auch im Gesundheitswesen geschaffen.

Kann KI die Diagnostik und Therapieplanung verbessern?
Im Krankenhausumfeld wird KI beispielsweise in der Diagnostik eingesetzt, um medizinische Bilder, wie Röntgenaufnahmen oder MRT-Scans, zu analysieren und auffällige Befunde frühzeitig zu erkennen. In der Therapieplanung unterstützt KI bei der Bewertung von Therapieoptionen und erlaubt die Vorhersage kritischer Ereignisse. Diese Entwicklungen tragen dazu bei, Diagnostik und Therapieplanung zu verbessern, Arbeitsabläufe zu optimieren und die Patientenversorgung effizienter zu gestalten. KI umfasst verschiedene Technologien, die es Computern ermöglichen, Aufgaben auszuführen, die typischerweise menschliche Intelligenz erfordern.

Wer ist Ihrer Meinung nach der führende Hersteller von Geräten mit KI in der Radiologie?
Die in Paris ansässige Firma Gleamer hat sich als Vorreiter für Künstliche Intelligenz in der Radiologie etabliert. Ihre innovativen Lösungen sind bereits in mehr als 1.000 Einrichtungen in 34 Ländern im Einsatz. Nun soll auch die Mamma-Diagnostik durch den Einsatz der KI verbessert werden. Die Software wird derzeit noch ausschließlich in der Oberschwabenklinik und ab Frühjahr dann auch in anderen Kliniken und Praxen umfassend getestet und hinsichtlich ihrer Praxistauglichkeit bewertet.
Besonders wichtig ist, dass das Vier-Augen-Prinzip bei der Mammographie unberührt bleibt. Es werden auch weiterhin mit Unterstützung durch die KI immer zwei Fachpersonen ihr Urteil abgeben, bevor ein Befund erstellt wird.

Kann die Behandlungsqualität durch die KI-gestützte Diagnostik verbessert werden?
Die KI-gestützte Diagnostik bietet vielversprechende Möglichkeiten, die Behandlungsqualität weiter zu steigern und Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten. Erste Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass der Einsatz von KI die Aufenthaltszeit von Patientinnen und Patienten in der Notaufnahme reduzieren kann. KI bei Röntgen-Aufnahmen u.a. von Knochen und Thorax werden bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Die KI-gestützte Diagnostik wird immer besser und ist eine hervorragende Unterstützung der täglichen Routinearbeit des Fachpersonals.

Welche Hürden gibt es bei der Verwendung von KI-gestützte Diagnostik in Hinblick auf Datenschutz und Regulatorik?
Um die Potenziale von KI im Gesundheitswesen voll ausschöpfen zu können, ist die Verwendung eines Broad Consent (umfassende Einwilligung) für die Nutzung pseudonymisierter Gesundheitsdaten zu Forschungs- und Entwicklungszwecken von KI-Anwendungen unerlässlich.
Dieser Broad Consent sollte Patientinnen und Patienten die Möglichkeit geben, einmalig in die breite Nutzung ihrer Daten für wissenschaftliche Zwecke einzuwilligen, anstatt für jede einzelne Forschungstätigkeit erneut eine spezifische Einwilligung einholen zu müssen.
Dabei müssen Transparenz und die jederzeitige Widerrufsmöglichkeit der Einwilligung gewährleistet sein, um das Vertrauen der Patientinnen und Patienten in den verantwortungsvollen Umgang mit ihren Daten zu stärken.
Die Nutzung von eigenen Patientendaten zum Training von KI-Modellen muss darüber hinaus gesetzlich verankert und im Vergleich zum GDNG erweitert werden.

Hat KI eine spezielle Bedeutung für die Pflege
Ja, die KI unterstützt einmal die Ausbildung der Pflegekräfte an der Oberschwabenklinik  durch:

Effizientere Abläufe:
Durch KI-gestützte Diagnostik werden Prozesse beschleunigt, was die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten und den rund 1.000 Pflegekräften verbessert.
Forschung & Innovation:
In der Region forscht die Hochschule Ravensburg-Weingarten (RWU) an Projekten wie dem intelligenten Rollator (RABE), der künftig auch in stationären Einrichtungen zur Unterstützung von Patienten und Personal beitragen könnte.
In der Region werden zudem digitale Lösungen wie Spracherkennungs-Apps für die Pflegedokumentation diskutiert, um die Zeit am Patienten zu erhöhen und den bürokratischen Aufwand zu senken.

Könnte es Ihrer Meinung nach zu einer Dequalifizierung von KI-Nutzern kommen?
Durch eine geeignete Softwaregestaltung muss verhindert werden, dass es zu einer Dequalifizierung von KI-Nutzern kommt, also einem Verlust von Qualifikation durch die Übertragung von (Teil-)Aufgaben an die KI. Vielmehr sollte die Software die Verbesserung der Qualifikation auch im Sinne der gesetzlich geforderten Weiterbildung unterstützen. Zur Umsetzung dieser Ziele sollten durch die zuständigen Behörden auf nationaler und europäischer Ebene, wie beispielsweise das KI-Büro und das KI-Gremium der EU, Richtlinien und Checklisten für die Entwicklung von KI-Anwendungen geschaffen werden.

Gibt es ihrerseits Forderungen für den Einsatz von KI-gestützte Diagnostik?
Es gibt mittlerweile eine fast unüberschaubare Reihe von Forschungsarbeiten und Studien zur Nutzung von KI in den verschiedensten Bereichen der medizinischen Behandlung. Trotz des großen Potenzials und bereits existierender Anwendungen, wie KI-gestützter Bildanalyse, gibt es weiter hin erhebliche Hürden für eine umfassende Integration in den Versorgungsalltag. Eine erfolgreiche Implementierung erfordert klare rechtliche Rahmenbedingungen, eine breite, interoperable Datenbasis, KI-fähige Infrastrukturen, effektive Vernetzung und gezielte Unterstützungsprojekte.

Herr HR Dipl. Ing. Bernd DOPPLER war lange Jahre Leiter des Arbeitsinspektorates in Vorarlberg, ist aktiver Referent und Lektor in verschiedenen Ausbildungseinrichtungen, behördlich anerkannter Sachverständiger in den Fachgebieten technisches Unfallwesen, Explosivstoffe Pyrotechnik und Sprengwesen.